Festrede von Kultusminister Andreas Stoch

Kultusminister Andreas Stoch hält die Festrede

Festrede von Kultusminister Andreas Stoch beim Festakt „50 Jahre Russisch“
am 22.1.2015 in der Festhalle Feuerbach

 

 

 

Andreas Stoch MdL

Minister fur Kultus, Jugend und Sport

des Landes Baden-Württemberg

Grußwort zum Festakt 50 Jahre Russisch-Unterricht am

Leibniz Gymnasium in Stuttgart

Stuttgart, 22. Januar 2015

 

 

Sehr geehrter Herr Direktor Fischer,

sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrte Eltern,

liebe Schülerinnen und Schüler,

der Namensgeber dieses Gymnasiums, Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz, hat über die Sprache einmal gesagt:

"Das Band der Sprache [...] vereinigt die Menschen auf eine starke, wenn auch unsichtbare Weise und bewirkt eine Art Verwandtschaft."

In Europa leben heute Menschen aus einer Vielzahl von Nationen, mit unterschiedlichen Sprachen und vielfältigen kulturellen Eigenheiten zusammen.

Obwohl in Europa das einigende Band der Sprache fehlt, wächst unser Kontinent auf vielfältige Weise in praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen immer stärker zusammen. Gerade deshalb wird es für Europäer – und insbesondere für die jungen Menschen im zusammenwachsenden Europa – immer wichtiger, neben der eigenen Muttersprache auch Fremdsprachen zu beherrschen.

Fremdsprachenkenntnisse sind auch in der globalisierten Arbeitswelt in vielen Unternehmen Grundvoraussetzung für den beruflichen Ein- und Aufstieg. Insbesondere die englische Sprache gilt heute als Selbstverständlichkeit und hat sich als eine Art Weltsprache etabliert.

Schaut man sich allerdings die Zahlen an, ist zumindest in Europa heute eine andere Sprache am weitesten verbreitet. Eine Sprache, die vielen in diesem Zusammenhang vermutlich nicht als erstes in den Sinn gekommen wäre: Rund 65 Millionen englischen Muttersprachlern stehen in Europa etwa 160 Millionen russische Muttersprachler gegenüber, insgesamt sprechen rund 280 Millionen Menschen Russisch auf unserem Kontinent.

Gemessen an dieser Verbreitung spielt Russisch als Fremdsprache an unseren Schulen dagegen bis heute eine relativ geringe Rolle. Das Leibniz Gymnasium zählt auf diesem Gebiet zu den Pionieren und es freut mich daher besonders, heute gemeinsam mit Ihnen die Einführung von Russisch als Fremdsprache vor 50 Jahren am Leibniz-Gymnasium in Stuttgart feiern zu können.

Seit dem Schuljahr 1964/65 wird Russisch hier als dritte Fremdsprache angeboten. Bis heute ist Ihre Schule eines von nur wenigen Gymnasien in Baden-Württemberg, die Russisch auch im Abitur als schriftliches und mündliches Prüfungsfach anbieten.

Von den aktuell rund 600 Schülerinnen und Schülern haben sich knapp 70 für Russisch als dritte Fremdsprache ent- schieden. 1989 war das Leibniz-Gymnasium eine der ersten 40 Schulen, die das neue, von Helmut Kohl und Michael Gorbatschow geschlossene Abkommen zum deutsch-russischen Schüleraustausch nutzten. Seit 25 Jahren finden regelmäßig Austausche mit Gymnasien, zuerst in St. Petersburg und heute in Samara, der Partnerstadt Stuttgarts, statt.

Zudem nehmen die Stuttgarter Russisch-Schüler regelmäßig an Sprachwettbewerben wie der "Russisch-Olympiade" teil – 2009 war das Leibniz-Gymnasium selbst Gastgeber der "Bundesolympiade der Russischen Sprache".

Das Kultusministerium setzt sich dafür ein, die Bedeutung des Russisch-Unterrichts an Schulen zu stärken, Angebote auszubauen und noch mehr Interesse bei den jungen Menschen für diese wunderbare Sprache zu wecken. Dies nicht nur vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Beziehungen mit russischsprachigen Ländern, sondern auch in Fortsetzung der traditionell engen Beziehungen zwischen Russland und unserem Land, die seit über 200 Jahren bestehen.

2013 hat der Landtag von Baden-Württemberg das Kultusministerium in diesem Zusammenhang beauftragt, ein Konzept zur Förderung der Verbreitung und der Nachfrage am Unterrichtsfach Russisch zu erarbeiten. Die heutige Veranstaltung ist Teil dieses Konzepts.

Mit der Förderung des Russischunterrichts begleitet das Kultusministerium das aktuelle Kreuzjahr der deutschen und russischen Sprache und Literatur.

Das Kreuzjahr der deutschen und russischen Sprache und Literatur ist am 6. Juni 2014 – dem 215. Geburtstag des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin – gestartet.

Ziel dieser vom Goethe Institut und den Außenministerien in Russland und Deutschland initiierten Aktion ist die Entwicklung langfristiger Beziehungen im Kultur- und Bildungsbereich.

Das Kultusministerium ist hier mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen beteiligt, und wir setzen uns auch darüber hinaus intensiv fur gute Beziehungen zwischen Russland und Baden-Württemberg im Kultur- und Bildungsbereich ein.

Allerdings spüren wir zurzeit auch deutlich die Auswirkungen der schwierigen politischen Lage auf die bislang sehr guten Beziehungen und Partnerschaften in diesem Bereich.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich in einer Rede vor russischen Studenten im Dezember 2014 ebenfalls besorgt über die zunehmenden Spannungen. "Auch in der Zivilgesellschaft ist die bilaterale Kooperation schwieriger geworden. Manche deutsche Nichtregierungsorganisation registriert dieser Tage, dass ihre russischen Partner auf Distanz gehen".

Wie Herr Steinmeier – und auch wie die russischen Studierenden – bin ich überzeugt, dass wir den Weg in diese Richtung nicht weiter gehen sollen und dürfen.

Vielmehr halte ich es gerade in der aktuellen Situation für besonders wichtig, den intensiven Austausch zwischen unseren Ländern beizubehalten und die guten Verbindungen nicht abreißen zu lassen.

Wir müssen uns – und vor allem auch den nachwachsenden Generationen – immer wieder deutlich machen, dass bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts auch Europa noch zu den zentralen Konfliktherden in der Welt zählte.

Denn in unserem sicheren und wohlhabenden Land kann es – gerade bei jungen Menschen – schnell in Vergessenheit geraten, welches Leid und Elend der Krieg noch vor wenigen Jahrzehnten über unseren Kontinent gebracht hat, und welche Mühen und Anstrengungen notwendig gewesen sind, um diese Wunden in einem jahrzehntelangen Aussöhnungsprozess wieder zu heilen.

Gegen dieses Vergessen der nächsten Generationen müssen wir ankämpfen. Die Schule spielt hierbei eine entscheidende Rolle – auch über den Geschichts- oder Gemeinschaftskundeunterricht hinaus.

Ein besonders gelungenes Beispiel in diesem Zusammenhang ist ein Projekt, das hier am Leibniz-Gymnasium im vergangenen Jahr entwickelt und gemeinsam mit Partnerschulen in Russland und Frankreich umgesetzt wurde. "100 Jahre Erster Weltkrieg – Schicksale zwischen Begeisterung und Katastrophe – Wo stehen wir heute?“ lautet der Titel des Projekts.

Bei dem Projekt arbeiteten Schülerinnen und Schüler der drei Partnerschulen aus Deutschland, Russland und Frankreich gemeinsam die Geschichte des ersten Weltkriegs auf und lernten bei gegenseitigen Besuchen die jeweiligen Perspektiven in den verschiedenen Ländern kennen.

Initiiert wurde das Projekt von einem besonders engagierten ehemaligen Russisch-Lehrer des Leibniz-Gymnasiums. Lieber Herr Groh, Ihnen ganz herzlichen Dank für dieses tolle Projekt und die großartige Aufbauarbeit, die Sie hier viele Jahre im Bereich des Russisch-Unterrichts geleistet haben.

Mein Dank gilt aber auch dem gesamten Kollegium, das diese Arbeit äußerst erfolgreich fortsetzt und sich mit Leidenschaft und Herzblut für den Russisch-Unterricht an dieser Schule engagiert. Dafür gebühren Ihnen allen mein Respekt und meine Anerkennung.

Ich persönlich hatte bislang leider keine Möglichkeit, Russisch zu lernen. Angesichts so engagierter und leidenschaftlicher Freunde der russischen Sprache gebe ich aber die Hoffnung nicht auf, bei meinem nächsten Besuch vielleicht sagen zu können:

Ja gawaru pa russki (Ich spreche Russisch).

Spasiba bolschoje (Vielen Dank)

 

 

 

Das Leibniz-Gymnasium dankt dem Kultusministerium für die freundliche Genehmigung, die Rede des Herrn Minister an dieser Stelle zu dokumentieren.